07. Januar 2021    

Bereits einige Winter lang habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir ein Splitboard zuzulegen - in der Hoffnung, mir damit auch Tage nach dem letzten Schneefall noch mein Stückchen vom unverspurten Powderkuchen abzustauben oder zumindest den die Skigebiete zunehmend flutenden Touristenmassen entfleuchen zu können. Immer wieder habe ich verstohlen hinüber gelinst auf die „andere Seite“ – die jener, die ein Splitboard ihr eigen nennen und damit in scheinbar grenzenloser Freiheit unberührtes Terrain erobern, beeindruckende Gipfel erklimmen, selbstverständlich gefolgt von noch beeindruckenderen Abfahrten mit FaceShot Garantie. Warum ich es solange nicht getan habe?

Splitboarding aus Perspektive einer Frau. Ein Gastbeitrag von Marion Schöndorf.

Disclaimer: Ursprünglich sollte der Artikel den Titel tragen: "Handwerklich eher unbegabte Wesen (m/w/d), die auf Splitboards starren" , aber das klang zu sperrig nach Stellenanzeige. Deshalb sei an dieser Stelle vorausgeschickt, dass der Autorin durchaus klar ist, dass die Fähigkeit, intuitiv einen Betonmischer richtig zu bedienen oder die Neigung zum Parkett verlegen, nicht am Y-Chromosom festgetackert ist. Dass es durchaus Frauen gibt, die ihren Mann im Baumarkt an der Hand nehmen und zum richtigen Regal führen oder mit einer Motorsäge derart souverän umgehen können, dass sich jedes männliche Hilfeangebot schon aus Selbstschutz verbietet. Unsere Autorin beneidet diese Frauen auch heimlich ein bisschen, denn sie selbst gehört nun mal nicht dazu. Sie ist übrigens auch Tätigkeiten wie Nähen, Babysitten oder Backen eher abgeneigt. Insofern betrachtet die folgenden Zeilen lediglich als den sehr subjektiven Erfahrungsbericht eines Menschen mit zwei linken Händen, der zufällig auch weiblich ist...

Bereits einige Winter lang habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir ein Splitboard zuzulegen - in der Hoffnung, mir damit auch Tage nach dem letzten Schneefall noch mein Stückchen vom unverspurten Powderkuchen abzustauben oder zumindest den die Skigebiete zunehmend flutenden Touristenmassen entfleuchen zu können. Immer wieder habe ich verstohlen hinüber gelinst auf die „andere Seite“ – die jener, die ein Splitboard ihr eigen nennen und damit in scheinbar grenzenloser Freiheit unberührtes Terrain erobern, beeindruckende Gipfel erklimmen, selbstverständlich gefolgt von noch beeindruckenderen Abfahrten mit FaceShot Garantie.

Warum ich es solange nicht getan habe? Ich liebe die Berge, ich liebe Snowboarden und Freeriden liebe ich am allermeisten. Was ich jedoch nicht so liebe: rumbasteln und Heimwerken, technische Anleitungen interpretieren, das Hantieren mit Schraubenziehern in unterschiedlichen Größen und Ausprägungen als Hobby zu bezeichnen…Machen wir es kurz: ich habe zwei linke Hände und mein technischer IQ liegt unter dem eines Eichhörnchens. Als Mann dürfte ich so etwas natürlich keinesfalls über eine Frau sagen von wegen Diskriminierung und Gender-Gedöns, aber sich selbst dissen wird man ja wohl noch dürfen.

Der gelegentliche Abstecher in diverse Splitboard-Selbsthilfe-Foren bestärkte meinen Eindruck, dass der prototypische Splitboarder im Idealfall männlich, Eigentümer eines gut sortierten Werkzeugkellers und passionierter DIY-Anhänger ist. Meine technische Expertise erschöpft sich hingegen im gelegentlichen Festziehen der 4x4 Bindungsschrauben der Baseplate mit dem freundlicherweise von den Bergbahnen an den sogenannten Service-Stationen zur Verfügung gestellten Werkzeugen.

Mal wieder alle Klischees bestätigt: Männer schrauben rum im Hobbykeller, Frauen trinken Bier.

Ich wollte jedoch gerne eine Splitboarderin sein. How hard can it be?

Ich beschloss, das Abenteuer zu wagen und ich wollte es mir alleine erarbeiten - ohne all inclusive Splitboard-Yoga-Girls only-Camp und auch ohne Erklärbär, der mir kopfschüttelnd die Einzelteile samt Schraubenzieher aus der Hand nimmt und alles ruckzuck in Sekundenschnelle lieber selbst für mich zusammenbaut, bevor er sich das noch länger mit anschauen muss.

Nachdem ich mich gefühlt lange genug theoretisch in die Materie eingearbeitet hatte, erstand ich mehr oder weniger spontan mein erstes Board, das Jones Dreamcatcher, in welches ich mich schon vorletztes Jahr allein aufgrund der Beschreibungen und Reviews verliebt hatte. Ich war gespannt, ob diese Verliebtheit einem ausgiebigen Praxistest und dem Kennenlernen der inneren Werte standhalten würde. Da es sich um ein Testboard handelte, wurden glücklicherweise passende Felle schon mitgeliefert. Selber Zuschneiden wäre mir als erste Übung dann doch zu herausfordernd gewesen, zumal Fehler hier echt teuer werden können. Parallel dazu erstand ich nach reiflichem Hin und Her-Überlegen, welche Bindung es denn nun sein sollte, eine Voilé Womens Speed Rail und bestellte mir in meinem Überschwang auch gleich Voilé Pucks (canted) und die passenden Harscheisen dazu. Bis ich realisierte, dass auf dem Board schon Pucks vormontiert waren… allerdings von Spark, mit Alu und klassisch, nicht canted. Ich beschloss, dies gleich für einen ersten Test zu nutzen, welche Pucks besser mit der Voilé Bindung harmonierten. Angeblich sollten ja beide Fabrikate passen. Mir fiel ein Youtube-Video dazu ein, in welchem eine Splitboarderin erstmal eine geschlagene Stunde die Pucks mit der Feile bearbeiten musste, bevor sie ihre Bindung (die von einem anderen Hersteller war) problemlos darauf schieben konnte. So etwas hätte ich mir gerne erspart, es war zum Glück auch nicht nötig – die Voilé Bindung ließ sich einigermaßen über die Spark Pucks schieben. Die ganze Aktion fühlte sich zwar ziemlich ruckelig und wenig smooth an, insbesondere beim Abmontieren, aber vielleicht war das ja auch nur meiner mangelnden Routine geschuldet. Da die Pucks goofy montiert waren, musste ich sie ohnehin abschrauben und auf mich anpassen. Da habe ich mir dann gleich die von Voilé geschnappt, die es ja eigentlich auch werden sollten. Dann übte ich die ganze Umbauaktion in beide Richtungen einige Male im sicheren und warmen Wohnzimmer, denn ich dachte mir: wenn ich es da schon nicht hinbekomme, sollte ich es mir auf einem 20 cm breiten sturmumtosten Gipfelgrat mit halb erfrorenen Fingern besser gar nicht erst antun. Mein Stolz wuchs ins Unermessliche, als es mir sogar ohne fremde Hilfe oder Youtube-Tutorials glückte, die Bindung selbständig vom Hike- in den Ridemodus zu befördern. Das war wirklich das Sahnehäubchen auf dem Ganzen und jetzt konnte mich nichts mehr stoppen in meiner Splitboarderinnen-Karriere!

Links: Fellpflege mit abgefrorenen Fingern. Könnte auch an den fehlenden Handschuhen liegen. Rechts: #örnyourtörns - Man kann es nicht oft genug wiederholen.

Résumé: knapp 1 Jahr und ca. 10 Touren später

Ich kann auch bei Schneesturm die Felle abziehen und so zusammenlegen, dass sie sich ohne weiteres wiederverwenden lassen. (Aber manchmal fluche ich leise dabei.)

Ich kann auch in einem steilen Hang mein Board umbauen, ohne dass es mir abhaut. (Aber ich bin dabei nicht unglücklich, wenn mein Tourenpartner beim Festhalten hilft. Wenn er da eh schon dabei ist, kann er auch gerne beim Rauf-und Runterschieben der manchmal unerwartet schwergängigen Bindung helfen, sonst muss ich schon wieder fluchen)

Ich kann meine extrem schwergängigen Steighilfen selbständig hoch- und runterklappen. (Dazu nutze ich meinen Stock als Hebel und zerstöre dadurch die Moosgummi-Ummantelung des Griffs. Aber hey, es ist nur ein Stock.)

Auch kalte Finger gehören zum Business. Verdammt kalte Finger. (Mag sein, dass es auch an den Außentemperaturen liegt, ich schreibe diese Zeilen nicht in der sonnigen Firnsaison, sondern in der finstersten Zeit des Jahres, in den Raunächten mit zweistelligen Minusgraden am Berg.)

Links: Schöner Schnee, eisig kalt. Rechts: Kein Schnee, dafür kann man im T-Shirt shredden. Fast ein Ganzjahressport.

 

Aber dass sich all das noch viel mehr gelohnt hat, als ich mir ursprünglich erhofft hatte, wurde mir im Winter 20/21 klar: Splitboarden an sich ist eh schon großartig. Es ist toll, sich den Berg aus eigener Muskelkraft zu erschließen (Hashtag earnyourturns), es ist toll, überfüllten Skigebieten mit Jerry-Alarm entfleuchen zu können und am allertollsten sind natürlich phantastische Lines in unberührtem Powder vor grandioser alpiner Kulisse. Aber im Winter 20/21 kam noch etwas dazu: Splitboarden wurde für die meisten, die überhaupt auch nur einen Schwung in den Schnee ziehen wollten, zu einer unabdingbaren Notwendigkeit und ein Splitboard zu einem Besitz, der in Gold nicht aufgewogen werden konnte.

 

Ich bin so froh, dass ich gerade noch rechtzeitig diesen Zug genommen habe.

Die Belohnung - No words needed.