14. Dezember 2018    

Lawinen interessieren sich bekanntlich nicht für politischen Grenzen. Freeriderinnen und Skitourengeher reisen heutzutage dem guten Powder hinterher. Diesen beiden Fakten haben die Lawinenwarndienste Tirol, Südtirol und Trentino veranlasst ihre Aktivitäten in dem gemeinsamen Projekt ALBINA zu bündeln. Ziel des Ganzen ist es, eine grenzüberschreitenden, einheitliche und mehrsprachige Lawinenvorhersage anzubieten.

Wer bereits, wie üblich die Seiten der Lawinenwarndienste für Tirol bzw. Südtirol besucht hat, wird festgestellt haben, dass diese nun auf eine neue, einheitliche Seite namens avalanche.report weiterleiten. Was hat es also auf sich mit dieser Änderungen und was für Ideen stecken genau dahinter?

Christoph Mitterer, Projektkoordinator des Projekts Euregio Lawinenlagebericht ALBINA und Norbert Lanzanasto vom LWD Tirol, stellten die grenzübergreifende Lawinenvorhersage für die Europaregion Tirol - Südtirol - Trentino gestern im Patagonia Store in München vor. Wir waren vor Ort und geben in diesem Artikel einen kleinen Überblick über die wesentlichen Änderungen.

Was genau hat sich verändert?

Die Lawinenvorhersage ist verfügbar in drei Sprachen. Deutsch, Italienisch und Englisch. Wer einmal versucht hat, den Lawinenlagebericht von Trentino früh morgens vor einer angehenden Tour zu verstehen, ohne ein Wort italienisch zu können wird dieses Novum zu schätzen wissen. Auch die vielen internationalen Tourengeherinnen und Freerider, die weder italienisch noch deutsch verstehen, werden glücklich über die englische Version sein. Auch unsere italienischen Nachbarn, die nach Tirol kommen, werden sich freuen.

Die Lawinenvorhersage erscheint heuer am späten Nachmittag des vorherigen Tages um 17:00 Uhr und nicht wie die Jahre zuvor morgens um 7:30 Uhr. Aus dem Lawinenlagebericht ist also eine Lawinenvorhersage geworden. Das ist nicht nur ein Vorteil für die Lawinenwarner, die jetzt länger schlafen dürfen, auch wir Tourengeher profitieren davon. Denn jetzt können wir die Vorhersage bei der Tourenplanung am vorherigen Abend mit berücksichtigen und müssen uns nicht mehr auf den Bericht vom Vortag und unsere eigenen Prognosefähigkeiten verlassen. Gerade bei Frühjahrestouren, wo wir zeitig aus den Federn müssen, entfällt das Checken des Berichtes wenn wir bereits unterwegs auf Tour sind.

Tirol alleine betrachtet wurde vorher in 12 unterschiedliche Bergregionen eingeteilt: Von Arlberg, Außerfern (R1), über die Tuxer Alpen (R6) bis zum Südlichen Osttirol (R12). Diese Regionen entfallen und werden noch granulär in 29 Bergregionen unterteilt, die je nach Vorhersage, beliebig zusammengefasst werden. Die Bergregionen orientieren sich dadurch nicht mehr an politischen Grenzen, nur meteorologische Grenzen spielen eine Rolle. Als Nutzer können wir jetzt mit einem Mausklick auf der Karte eine beliebige Region auswählen und erhalten dann die Beschreibung der Lawinensituation.

(C) Euregio-Lawinenlagebericht (ALBINA)

Hier im Bild zu sehen die Gefahrenstufen und Lawinenprobleme zusammengefasst für eine ganze Reihe von länderübergreifenden Gebirgsgruppen
(C) Euregio-Lawinenlagebericht (ALBINA)

Dadurch wird die Prognose kürzer und prägnanter. Warum? Zum Vergleich, im alten System mussten wir den kompletten Lagebericht lesen, dann wurden darin besondere Gefahrenstellen, auch einzelner geografischer Regionen, beschrieben. Als Leser musste ich eine Filterung manuell vornehmen, ob diese Information für mich relevant ist oder nicht. Ein Beispiel: Ich will eine Tour auf die Weisseespitze machen. Im LLB wird vor Gefahrenstellen für trockene Schneebrettlawinen in den inneralpinen Tourengebieten gewarnt. Betrifft mich nun diese Information oder nicht? In diesem Beispiel, ja, weil ich mich mit der Weisseespitze für eine Tour inmitten eines der inneralpinen Gebiete entschieden habe. Mit dem neuen System jedoch bekomme ich mit einem Klick auf die Karte nur die relevanten Informationen angezeigt. Zusätzliche Details zur Lawinensituation werden weiterhin extrem detailreich im Blog beschrieben (Blogeinträge sind jedoch noch nicht komplett mehrsprachig verfügbar).

Weitere neue nützliche Features sind:

  • Eine Suchfunktion mittels der man nach Ortsnamen, Berggipfeln und Pässen suchen kann. Jedoch sind nicht alle Berggipfel erfasst, intensives Kartenstudium ist weiterhin empfehlenswert.
  • Eine Standortfunktion, die mir anzeigt, in welchem Gebiet ich mich gerade befinde
  • Prognose- und Wetterkarten: Auch hier gibt es viele Neuerungen. Hochauflösende INCA und SNOWGRID Wetterdaten von der Zentral Anstalt für Metrologie und Geodynamik (ZAMG) wurden eingebunden, die Links gibt es zum Abschluss des Artikels. Folgende Wetterkarten stehen zur Auswahl:
    • Schneehöhe
    • Neuschnee
    • Temperatur
    • Luftfeuchtigkeit
    • Wind
    • Windböen

Speziell die Windkarten mit einer Auflösung <1km sind für die Tourenplanung sehr interessant. Die Auflösung ist hinreichend genau, dass sich Windgeschwindigkeiten individueller Seitentäler ablesen lassen. Für Neuschnee, Temperatur und Luftfeuchtigkeit gibt es 12 bzw. 24 Stunden Prognosedaten, die vorher nicht in dieser Form öffentlich verfügbar waren. Schön wäre es, wenn man noch eine Zoomstufe weiter in die Karte eintauchen könnte, um die Windsituation innerhalb eines Tourengebietes besser einschätzen zu können.

Noch ein Hinweis: Am besten ihr abonniert den Dienst über E-Mail oder Soziale Medien. Somit erfahrt ihr Updates wenn sich eine Prognose mal ändern sollte.

Warum sind nicht mehr Regionen eingebunden?

Das Projekt startet erst einmal mit zwei Ländern und die Zusammenarbeit der Lawinenwarndienste stellt eine große Herausforderung für die Lawinenwarner dar. Laut Christoph Mitterer waren die ersten zehn Tage schon sehr anspruchsvoll für alle Mitarbeiter. Wir wünschen den gesamten Team ein erfolgreichen Start und hoffen dass bereits in der nächsten Saison weitere Regionen mit einbezogen werden!

Links: