21. Dezember 2017      

Der Wind ist heftig und ich muss mich kräftig reinlehnen um aufrecht zu bleiben. Zu meiner Linken fällt der Berg über freiliegende Felsen und Eisflächen in Richtung eines dunklen und turbulenten Meeres ab. Splitboarding in Island - von und mit Pete Coombs.

Zu meiner Rechten gibt es einen steilen Hang aus eisbedecktem Schnee. Wenn ich jetzt irgendwas fallen lasse, wird es eine Fahrt über das Hardpack machen um nie wieder gesehen zu werden.

Ich gehe durch mein eigenes, gut eingespieltes System. Zuerst packe ich meine Teleskopstöcke an die Außenseite meiner Tasche, dann entferne ich die Boardhälften und schäle die Felle ab. Als nächstes werden die Bindungen entfernt und an den Pucks wieder angebracht, mein Splitboard kehrt zurück in den Fahrmodus. 

Ich bin jetzt bereit, bereit für den Nervenkitzel der Abfahrt. Doch bevor ich losfahre, entferne ich die Sicherung meines Lawinenairbags. So wie ein Basejumper die Muskelerkennung des Greifens nach der Zugschnur übt, greife ich mit der rechten Hand zwei- bis dreimal nach dem Knebel am linken Schultergurt. Ich bin bereit. Einen Arm hebend, rufe ich: "Dropping in!" und los geht es. Als ich den ersten eisigen Turn navigiere, bevor ich über einen toten Winkel in ein unberührtes Couloir aus Tiefschnee gleite, steigt meine Geschwindigkeit und ich fliege über die Landschaft. Irgendwann, nach dem Durchpflügen wunderschöner Flanken, bin ich gezwungen, einen abrupten Stopp einzulegen. Ich habe kein Ende einer Piste erreicht. Auch der späte Frühjahrspulver wurde nicht zu einer Wiese - es ist viel ernster als das. Es ist der Arktische Ozean, der meine Abfahrt blockiert, sein kollabierendes, fast tiefschwarzes Wasser, das gegen die schroffe, wunderschöne Küstenlinie schlägt. Anstatt zu schwimmen, halte ich an und verwandle mein Splitboard wieder in einen Satz Skier, bevor ich mit dem Prozess des Anfellens beginne.

Ich wollte schon immer in Island Splitboarden, und als das Angebot von Bergmenn Mountain Guides kam, sie auf der Toll-Halbinsel im äußersten Norden Islands zu begleiten, habe ich sofort einen Flug gebucht.

Akureyri, die zweitgrößte Stadt Islands, ist der nächstgelegene Flughafen zur Toll Peninsula, aber wegen schlechten Wetters wurden alle Flüge von Reykjavik aus gestrichen. Nachdem ich also ein Auto gemietet hatte, ließ ich die Zivilisation von Reykjavik hinter mir und begann die fünfstündige Fahrt um die isländische Küste herum. Ich fahre vorbei an weiten Bereichen mit wellenförmigem, altem Lavastrom. Die strenge Härte Südwest-Islands wird bald deutlich - eine Härte, die nur von vereinzelten roten Bauernhäusern gebrochen wird. Diese wurden gebaut, weder um die Landschaft zu erobern oder zu dominieren, noch dazu zu passen, sondern einfach nur um eine Erlaubnis zum Bleiben zu erbitten. 

Unsere Basis ist das winzige Fischerdorf Ólafsfjörður das an einer Fjordverengung liegt. Ólafsfjörður wurde für die Heringsindustrie des frühen 20. Jahrhunderts gebaut - aber es ist auch von einigen der besten Skitouren und Splitboardtouren Islands umgeben. Es ist 17.00 Uhr als wir im Hotel ankommen, das Personal begrüßt uns mit einem Lächeln, eilt in die Küche, um mit einer herzhaften Suppe und frischem Brot zurückzukehren.
"Okay, schnapp dir etwas Suppe, schmeiß deine Taschen weg und lass uns rausgehen!" ruft unser Führer Owen.

Als wir den Van verlassen, um unsere erste Tour der Reise zu beginnen, blicke ich auf meine Uhr. Ich lächle, als ich sehe, dass es bereits 18:00 Uhr und noch taghell ist. Es ist wunderbar, sich nicht von den Sonnenstunden einschränken zu lassen, wohl wissend, dass ein Mangel an Tageslicht uns nicht davon abhalten wird wenn unsere Beine die Anstiege verkraften können.

Langsam und stetig klettern wir über eine schneebedeckte Schlucht, angeschlagen, aber nicht erschlagen vom immer noch starken Wind. Es wäre schön gewesen, durch die geschützte Schlucht hinaufzuklettern, aber anscheinend ist diese eine Geländefalle und obwohl der Schnee gut verfestigt und das Lawinenrisiko gering ist, ist es immer noch das Beste wenn man sein Glück nicht herausfordert. 

Etwa zweieinhalb Stunden später, nach einer Reihe "falscher" Gipfel, gruppieren wir uns unterhalb einer Gratlinie. Etwas Spindrift fegt uns um die Nase was auf starken Wind hindeutet, aber es sieht nicht allzu schlecht aus, also gehen wir weiter zum Gipfel. Am Grat fliegt mir fast die Mütze vom Kopf und meine Augen beginnen zu tränen, sogar hinter meiner Sonnenbrille. Fast gewinnt der unglaublich starke Wind und treibt mich den Berg hinunter. Doch ich bleibe standhaft und lehne mich in die Böhen hinein, während ich meine Umgebung überblicke. Weit unten, schlägt die rauhe See auf drei Ufer, am vierten Ufer ist eine endlose Reihe von schneebedeckten Bergen die zum Splitboarding einladen. Für einen Moment verstecke ich mich auf der Leeseite des Berges, um dem schlimmsten Wind zu entkommen, und kämpfe darum mein Splitboard wieder in seine Snowboardform zu verwandeln. Ich ziehe meine Haupthandschuhe aus und trage nur einen dünnen Wollhandschuh. Meine Hände beginnen bald alle Empfindungen zu verlieren während ich zitternd abfelle und meine Bindungen wieder montiere. Ich darf keinen Fehler machen, der Schnee um mich herum ist fest und steil, der Wind stark. Ich ziehe meine warmen Handschuhe wieder an, klemme meine Füße in mein Brett und setze mich auf den festen Frühlingsschnee. Die Anstrengung des Aufstiegs wird mit dem Nervenkitzel belohnt. Ein paar felsige, steile Sektionen und dann rase ich auf ein offenes Pulverschneefeld hinzu. Jetzt bin ich durch den Pulver hindurch und erreiche griffigen Schnee, der einige schöne Carves erlaubt. Viel zu früh steigen wir wieder in den Van  und obwohl ich versucht bin eine zweite Tour zu starten, zeigt ein Check meiner Uhr dass es 21.30 Uhr ist, also gehen wir zurück zum Hotel.

Ich lehne mich zurück in das Thermalwasser, in meinen persönlichen Whirlpool. Als der Schnee der mir entgegenfiel im nahen kochenden Wasserdampf verschwand, dachte ich darüber nach, was Island für eine hartnäckige und unversöhnliche Landschaft hat. Doch in der nächsten Woche erfuhr ich, dass wenn Du hartnäckig und unerschrocken vor den eisigen Winden bist, Island eine wahnsinns Landschaft mit endlosen Möglichkeiten des Splitboardens zwischen Himmel und Meer zu bietet hat.


Pete Coombs ist ein Abenteuerjournalist und Gründungsmitglied von "The Grizzly Splitboard Club", einem britischen Club, der Splitboarder mit Guides und Expeditionen verbindet. Pete verbringt seine Wintersaison damit nach neuen Lines und alternativen Zielen zu suchen, während seine Sommer damit verbracht werden, seine junge Familie auf Fahrradabenteuer zu schleppen. Diesen Winter plant Pete und The Grizzly Splitboard Club einige Erstbegehungen in den Kackar Mountains der Türkei.  

Mehr Infos auf: http://www.bergmenn.com/ 

Der erste Tag des Sommers, ein Film von Zak Emerson, Pete Coombs und Jake Armstrong, ist der erste in einer Trilogie von Filmen, die die persönlichen und gruppenspezifischen Rationalitäten ergründen, sich selbt einer Gefährdung auszusetzen während man das Abenteuer auf abgeschiedenen Splitboard-Expeditionen sucht. Gedreht in Island, ist "Der erste Tag des Sommers' Pete Coombs persönliches Argument.

 

Danke Pete, für den mitreissenden Artikel, wir freuen uns auf mehr von Dir!