20 October 2015    

Gut vorbereitet durch ihre Erkundungstour im Herbst, kehren die Splitboard Freunde von Pogo im Februar 2014 nach Ushguli in Georgien zurück. Glück und Unglück liegen nahe beinander und leider nehmen die traumhaften Pulverwochen ein tragisches Ende.

Nach unserem herbstlichen Vorbereitungstrip verging die Zeit wie im Flug und so waren wir gefühlt drei Wochen später zurück in der georgischen Haupstadt Tiflis. Nur diesmal mit deutlich mehr Gepäck, jeder Menge Pogo Snowboards und allem was man sonst noch an Ausrüstung braucht.


(Lest hier den ersten Teil - Die Vorbereitung)

Auf Grund einer Rekordkältewelle befindet sich die Stadt in einer Art Froststarre. Da Tiflis dem Äquator ungefähr gleich nah ist wie Rom, gibt es hier sonst kaum Minusgrade. Diesen Februar sieht es anders aus und so herrscht leichtes Chaos, Wohnungen sind ohne Wasser, Läden sind geschlossen und der Verkehr fliesst noch zäher wie sonst. Auch wir müssen unser Gefährt erst aus einem dicken Eismantel befreien, damit die holprige Reise gen Svanetien erneut angetreten werden kann.

Dort ist der erste Halt die Provinzstadt Mestia mit dem naheliegenden Miniskigebiet Hatsuali. Wir können dort die erste Tiefschneegier befriedigen und uns einen ersten Eindruck der aktuellen Verhältnisse schaffen. Das Gebiet besteht zwar lediglich aus zwei Liften, aber bedient damit und ein paar Fussmetern einen sehr breiten waldigen Nordhang. Da die wenigen anderen Gäste damit zu kämpfen haben irgendwie die Pisten hinunter zu gondeln, ist es hier ein leichtes noch ein gute Portion Powder abzubekommen. Da sich zudem das Wetter sich von seiner besten Seite zeigt, nutzen wir die gute Gelegenheit und kosten das Powdervergnügen mit Liftunterstützung voll aus.

Doch eigentlich können wir es kaum erwarten das eigentliche Ziel der Reise, das abgelegene Bergdorf Ushguli, zu erreichen. Klar haben wir es auch schon im Herbst bei erstem Schnee zu Gesicht bekommen, aber wir wollen es einfach möglichst bald mit eigenen Augen bei voller Winterpracht sehen. Darum fahren wir auch los, wohl wissend dass die Strasse noch gesperrt ist. Ein Großteil der abenteuerlichen Strecke ist bei Schnee fast einfacher zu befahren, aber immer wieder gilt es Schneeansammlungen und kleinere Flussbetten zu bewältigen.
An einem solchen Wasserloch treffen wir das erste und einzigste Fahrzeug mit gleichem Ziel und wir staunen nicht schlecht als dem Allradkleinbus ein paar bekannte Gesichter entsteigen. Ein Trupp Freerider aus der Schweiz, denen man Dank eines Studiumsgenossen schon mal begegnet ist.
Da der weitere Weg noch spannend zu sein verspricht, hat das Fortkommen beiderseits aber erst mal Priorität und so werden vorerst nur ein paar kurze Worte gewechselt. Den Hauptteil der Strecke bringen wir langsam aber sicher hinter uns, bis wir dann auf einmal genau wissen, wieso die Strecke noch gesperrt ist. In einem engen Talabschnitt ist die Strecke mehrfach meterhoch von Schneeabgängen bedeckt, ein Fortkommen mit dem motorisierten Gefährten ist somit ausgeschlossen. Wir sortieren das Gepäck um, stellen den Lada ab und machen uns mit dem Splitboards auf den Weg.

pogo-svanetien-02-weaponofchoice.jpg
weapon of choice: splitboard

Sobald wir loslaufen herrscht auf einmal bestes Wetter und da der weitere Weg nicht besonders steil ist und wir den Grossteil des Gepäcks im Auto gelassen haben ist es ein angenehmes Laufen. Wir geniessen es direkt auf den Boards in das Dorf einzulaufen. Nach einem Begrüssungsschnaps in unserer Bleibe, gibt es noch eine kleine Abendsonnentour auf den Hausberg. Ist zwar lediglich eine bis an den Ortsrand auslaufende Flanke einer anschliessenden Bergkette, aber von der Exposition her ideal und so können wir uns 300m Luftlinie entfernt vom baldigen Abendessen noch ein paar sehr feine Powdersprays gönnen.

ushguli

In den darauf folgenden Tagen gilt es die Umgebung zu erkunden und die momentanen Bedingungen genauer kennenzulernen. Powder gibt es auf jeden Fall, allerdings im Gesamten gar nicht soviel Schnee, wie zunächst erwartet. Besonders die Südhänge sind auf Grund des unerwartet warmen Wetters nur mit sehr wenig Weiss bedeckt. Wir lernen allerdings sehr bald die Vorzüge der zu Anfang überraschenden Schneelage zu schätzen und können so weniger anstrengende Aufstiege mit allerfeinsten Powderabfahrten verbinden. Insgesamt sind es zum jetzigen Zeitpunkt sieben Schneesportler, die sich einen mehrere Quadratkilometer grossen Schneespielplatz teilen. Zu dem begrüsst uns auch jeden Morgen ungetrüber Sonnenschein und so widmen wir uns fleissig den Hängen der diversen umgebenden Täler und Nebentäler.

afirstlookaround
a first look-around

Nachdem inzwischen die Zufahrt zum Dorf von Schneeabgängen befreit ist und die ersten Wolken aufziehen, holen wir unser stehen gelassenes Gefährt. Während wir unser restliches Gepäck und Ausrüstungszeug zur Bleibe bringen wird uns zwar das Benzin abgezapft, aber dies amüsiert uns mehr als dass es uns belastet. Da die ersten Tage bedingt durch die vielen Tourenkilo- und Höhenmeter doch recht anstrengend waren, schalten wir mit den wolkenverhangenem Wetter erst einmal ein bisschen runter und erkunden ein bisschen mehr das Dorf. Wir finden einige spassige Sprungmöglichkeiten und unterhalten dabei die Dorfkinder bestens, die unser Treiben aus der Dorfschule hinaus beobachten.

jumping ushguli
jumping ushguli main road

Inzwischen hat es sich auch rumgesprochen, dass wir ein bisschen länger hier bleiben werden und gerade die jüngere Generation ist dankbar für die Unterbrechung der winterlichen Tristesse. Unsere Bleibe besitzt zum Glück eine sehr grosse sonnenverwöhnte Veranda, zum einen ideal um unsere Sachen zu trocknen, andererseits auch ein hervorragender Ort den Abend ausklingen zu lassen. Von dort hat man auch das Zentrum des Dorftreibens bestens im Blick, den Volleyballplatz. Es erinnert ein bisschen an das Treiben auf französischen Bouleplätzen, nur das hier weniger präzise gespielt wird und wir ein solchen Platz und solch munteres Treiben hier mitten im Winter nicht vermutet hätten. Aber gerade in der Nachmittagssonne ist es hier alles andere als winterlich und wir geniessen es ebenfalls bei der Rückkehr von den diversen Unternehmungen nicht sofort kältebedingt in der muffigen Bude verschwinden zu müssen. Unsere Abfahrten enden zumeist auch mitten im Dorf an besagtem Volleyplatz und so hat es sich inzwischen eingebürgert, dass wir dort noch einen kleinen Stop einlegen. Während beinah darum gestritten wird unsere Bretter auszutesten, amüsieren wir uns über unsere Beobachtungen des Treibens auf dem Platz. Das Spiel ist neben Zeitvertreib vor allem ein Kräftemessen. Wenn es nicht gerade darum geht, wer den Ball am höchsten schlagen kann, wir das Spiel auch jederzeit unterbrochen um eine Runde Armdrücken oder Judo einzulegen.

another good day
another good day

Da wir Besuch erwarten, betanken wir unseren Lada mit letzten Rest aus dem Reservekanister und bestreiten einmal mehr den holprigen Weg nach Mestia. Während wir in einer kleinen Bar mit den schon abreisenden Schweizer Freeridern und unseren ankommenden Freunden auf gemeinsame Erlebnisse anstossen, schneit es draussen wie wild. Am kommenden Morgen verzichten wir darauf direkt zu touren und geniessen den frisch gefallenen halben Meter pulverigstes Weiss bei bestem Wetter und Liftunterstützung. Der erneute Fahrt nach Ushguli ist noch ein bisschen abenteuerlicher wie sonst, da das Gefährt mit sechs Leuten plus Gepäck deutlich überladen ist. Es müssen zur Überwindung von Untiefen, ein Teil der Leute aussteigen und immer wieder ist der Weg von frischen Schneewehen überzogen, die erst passierbar gemacht werden müssen. Aber auch diesmal kommen wir wohlbehalten an und denken auch diesmal direkt dran unseren Tank leer zu machen und das Benzin in unserer Herberge zu verstecken.

Es hat hier zwar nicht so viel geschneit wie in Mestia, aber auch hier gab's eine schöne Portion Neuschnee und so machen wir uns am nächsten Tag direkt zu einem der schönsten Hänge in der Umgebung auf. Ein riesig breiter und langer Hang mit idealem Gefälle, wir können nicht widerstehen und geben uns den Spass zweimal und sind erst bei Sonnenuntergang zurück im Dorf. Da allgemein viel Zeit für Zustiege draufgeht, wird kurz darauf die erste Schneehöhlenübernachtung anvisiert.

cavemen
cavemen

Ganz in der Nähe des Zagaro Passes bauen wir uns unser Lager. Eine solche Schlafstätte zu errichten braucht ein bisschen länger und so gibt es die erste und einzigste Abfahrt des Tages erst bei Sonnenuntergang. Aber diese ist ein grossartiges Vergnügen, von dem Rücken eines Dreitausender geht es einen langen und pulvrigen Nordhang bis direkt zum Höhleneingang hinunter. Dabei wird zum ersten Mal der Pogo Powdersurfer in anspruchsvollem Terrain ausgeführt, ein unvergessliches Erlebnis einen solchen Berg ganz ohne Bindung runter zu surfen.

powdersurf
powdersurf excitement right in the village

Am nächsten Tag geniessen wir es sehr keinen Zustieg bewältigen zu müssen und erklimmen so schnell mehrfach umliegende Hänge. Neben dem Fahrspass erfreuen wir uns ebenso an der atemberaubenden Aussicht, zur einen Seite der Elbrus und naheliegendere fünftausender Wände, auf der anderen Seite verlockende Schneeberge so weit das Auge reicht. Die Tage vergehen wie im Flug und so steht auch schon das Abschiedsessen für unseren Besuch an. Sonst nur an Feierlichkeiten wie Hochzeiten üblich, gibt es einen gekochten Schweinekopf. Wir wissen die Geste zu schätzen, aber die Beilagen finden doch mehr Anklang.

territory for pogo powder
natural territory for POGO Powderboards

Mit der Abreise des ersten Besuchs, erfolgt sogleich die Anreise des nächsten Besuchs. Gern teilen wir unsere hart erarbeiteten Ortskenntnisse und geben uns wiederum gemeinsamen Schneeabenteuern hin. Nebenbei wechseln wir systematisch unser Equipment, aufstiegsmässig kommen je nach Tour und Boardwahl neben den Splitboards auch Aufstiegski und Schneeschuhe zum Einsatz, für die Abfahrt darf es gerne auch mal die überlange Powdergun sein oder eben auch der bindungslose Powdersurfer. Gerade in Ortsnähe wird nach der eigentlichen Tour noch so manche Hausbergrunde oder Dorfaction angehängt. Unsere Splitboardbindungen zeigen sich unbeindruckt von den vielen Touren und dem häufigen Umbauen, die Verschleisserscheinungen sind minimal und die Umbauzeiten sind trotz der unterschiedlichen Systeme inzwischen ähnlich eingespielt und schnell.

mt shkhara ushguli
mt shkhara overlooking ushguli

Da das Wetter sich gerade nicht von seiner besten Seite zeigt, wir zu dem noch ein kleine Reparatur an unserem Lada vornehmen lassen wollen und auch ein bisschen Abwechslung zum Essen und der Gesellschaft unserer Gastgeber brauchen fahren wir ein weiteres Mal nach Mestia. Dies klappt auch bestens und so sind wir wenige Tage später wieder frisch und motiviert für die noch verbleibende Restzeit zurück in Ushguli. Nach einem kurzweiligen Nachmittag am Hausberg, bekommen wir am Abend unerwarteten Besuch von der Gastfamilie unserer Freunde und Bekannten, die sich Sorgen machen da die Truppe noch nicht von ihrer Tagestour zurückgekommen ist. Wir erklären Ihnen dass ihr Tourenziel auf Grund des weiten Hin- und Rückwegs auf jeden Fall eine späte Rückkehr bedingt, machen uns aber trotzdem kurz darauf auf den Weg um der Gruppe entgegen zulaufen. Als uns nach wenigen Kilometern nur ein Gruppenmitglied entgegenkommt, ist jedoch schnell gewiss dass sich ein schwerer Unfall ereignet haben muss.

Das tragische Lawinenunglück von Ushguli vom 6.3.2014 kostet vier erfahrenen und passionierten Wintersportlern das Leben, wie durch ein Wunder überlebt ein fünftes Gruppenmitglied, welches sich nach zwei Stunden aus seiner Verschüttung befreien kann.

Zusammen mit dem Überlebenden und der Unterstützung durch das örtliche Militär bergen wir die Opfer und beenden unseren Trip, um für die Angehörigen da zu sein.

In Gedenken an die Opfer. Viel Kraft und Hoffnung dem Überlebenden, den Angehörigen und deren Freunden und Bekannten.