08 April 2017    

Legendär Oldschool - fast 400 "bischen verrückte" Snowboarder ließen in Stuben am Arlberg die Wurzeln des Snowboardings hochleben und feierten ein 1001 Höhenmeter Backcountry Rennen der Extraklasse.

Hier unser Bericht mit vielen bunten Bildern.

Der Arlberg ist traditionell als Wiege des Skilaufs bekannt, elitär mondän auf der einen Seite, sportlich ausgeflippt auf der anderen, eine Region mit stolzer Wintersportgeschichte, vielen Legenden und Traditionen. Am Fuß des Arlbergpasses, fast versteckt, liegt das beschauliche Stuben mit seinem seit jeher als Geheimtipp gehandelten Freeride Gebiet, dem Albonagrat.

Hier oben an der Mittelstation hatte der Schweizer Snowboard Pionier Paul Gruber vor 18 Jahren die Idee, ein Snowboarding Classic Treffen, die Longboard Classic Stuben, ins Leben zu rufen. Seit 1999, übrigens auch genau 18 Jahre nach einem von Paul initiierten ersten Snowboard TV-Bericht im Schweizer Fernsehen, trifft man sich jedes Jahr wieder in Stuben um gemeinsam das Woodstock of Snowboarding zu feiern und zum Spaß ein wohl einzigartiges Rennen vom Albonagrat hinunter zu bestreiten. Presseberichten zufolge hat sich das Longboard Classic im Laufe der Jahre zu einem der teilnehmerstärksten Snowboardrennen der Welt entwickelt.

Rudi Pichler und Paul Gruber

Und was suchen wir einsamtkeitssuchenden Backcountry Enthusiasten bei einem solchen Spektakel?

Eine ähnliche Frage dürfte sich der Stubener Tourismusdirektor Rudi Pichler anno 99 gestellt haben, als Paul mit der Idee eines Snowboard Woodstocks auf ihn und sein ruhiges Dörfchen zukam. Schließlich erfüllt das Longboard Classic bis heute jedes Snowboarder Klischee, allerdings in einer Art und Weise die dem Rudi offensichtlich ans Herz gewachsen ist, wie er bei seiner Verabschiedung in den wohlverdienten Ruhestand unter dem Applaus der vielen "bischen verrückten Snowboarder" bekräftigte.

"Bleibt so, ein bischen Verrücktheit ist gut", und ohne selbst ein bischen so zu sein hätte er sich damals wohl kaum auf die Longboard Classic Stuben eingelassen.

Badewetter - Freitag 31. März 2017

Die Stadt läuft schon seit Tagen auf Halbsommerprogramm, die Grills sind angeschmissen und die Nachbarn schaun etwas irritiert als wir die Snowboards ins Auto packen, die Splitboards um genau zu sein. Denn, und hier kann ich nur für mich sprechen (die anderen mögen bitte in den Comments ergänzen), den ideellen Wert meines 89er Elan Hot Pipe hatte ich damals leider gnadenlos unterschätzt. Und ehrlichgesagt hatte ich all die Jahre auch keine Ahnung davon wem ich mein rad-air Soul zu verdanken hatte, das ich Mitte der 90er mit einem Raichle Snowboarder Hardboot fuhr, dem Longboard Classic Veranstalter, crazy banana und rad-air Gründer Paul Gruber nämlich. Der Schuh übrigens, schon damals mit Vibram Sohle und großzügigem Forward-Lean-Adjustment, gäbe heute, vielleicht bis auf sein Gewicht, einen super Splitboard Hardboot ab.

Im snowboardmuseum.de von Armin Lutz, der hier in Stuben seine Jeff Brushie Burton Kollektion ausgestellt hatte, findet Ihr vielleicht auch Eure ersten Boards wieder, falls ihr sie, so wie wir, nicht beim LBC dabei haben konntet.

Zurück in die Gegenwart, Erinnerungen werden dieses Wochenende noch zu Hauf geweckt, sei es beim Anblick eines vertrauten Topsheets oder einer dahingegangenen Marke die man unter den vielen vielen klassischen Brettern erspäht, die morgen beim Rennen noch zum Einsatz kommen werden.

Spätestens als die Skateboards durch die Dorfstraße rauschen, der Pogo Truck Stellung bezieht und Mortal Kombat die Mondschein Bar rockt, ist klar, die 18. Longboard Classic in Stuben am Arlberg sind eröffnet.

Pogo arrives in town

1001 Höhenmeter Spaß - 1. April 2017

Unweit der Albonabahn und mit Blick auf das gesamte Albonagrat Face liegt die kleine aber feine Test- und Eventarea. Etliche Brands die wir auch für ihr Splitboard Material schätzen sind mit von der Partie, heute haben sie sich aber ganz auf ihre längsten und ausgefallendsten Boards konzentriert. Die  Goodboards Crew feiert auf dem LBC traditionell ihren Firmengeburtstag, haben sie doch hier vor sieben Jahren ihre ersten Goodboards vorgestellt. Auch Deeluxe, Never Summer, Nitro und Capita sind am Start, dazu Dupraz, Radical und noch ein paar andere mehr.

Testarea

Wie es sich für ein Woodstock gehört, haben viele in ihren Bussen geschlafen und sind daher schon viel früher auf den Beinen als wir, die wir erst noch ein ausgedehntes Frühstück im ehemaligen Posthaus genossen. Ein bischen Zeit zum Ratschen blieb uns noch, wenn dann aber Brettsportpioniere wie Titus Dittmann und Jogi März (Pogo) so kurz vor knapp ganz langsam und entspannt mal Richtung Lift aufbrechen sollten wir vielleicht auch los. In drei Liftetappen stehen wir oben und sind überwältigt.

Longboard Classic #18

Nicht mehr lang, dann wird das Rennen im Le Mans Stil gestartet. Das bedeutet mit dem Brett unterm Arm ein paar Dutzend Meter bis zur Hangkante rennen, dann so schnell wie möglich anschnallen und in freier Linie über die weiten Hänge hinunter bis ins tausendundeinen Meter tiefer gelegene Ziel.

Startrun

Never ever zuvor haben wir soviele Snowboarder zusammen an einem Berg fahren erlebt und noch nie soviele unterschiedliche Boards aus mehr als 30 Jahren Snowboardgeschichte einen Hang zerpflügen gesehen.

Auch wenn in verschiedenen Klassen gestartet wird, allein die Longboard Masters sind stolze 50 Mannen, Oldschooler und Noschooler noch viel mehr, der Hang schaut schnell aus wie ein lustiges buntes Wimmelbild.

Eddie the Eagle fliegt ins Tal und ehrfürchtig blicken ihm die späteren Starter jung & alt hinterher. Im Vordergrund "Herti" Herterich, der uns mit dem Regensburger Soundsystem Mortal Kombat schon letzte Nacht eine feinste Mixtur aus treibendem Dancehall, klassischem HipHop und gechilltem Reggae kredenzte. Haltet die Ohren offen, gerade erst waren sie mit Pow Pow Movement im Münchner Backstage zu Gast.

Audience

Kaum sind die ersten in der Tiefe entschwunden, startet die nächste Meute...

The Ladies

Den gewaltigsten Start legte Liz Kristoferitsch hin, die schon mit einem wahnsinns Speed aus der Anschnallzone in den oben noch ziemlich ruppig harten Hang fetzte und nur ein paar Sekunden später, weit unten im aufgefirnten Schnee, in eleganten langen Turns in Richtung steilem Zielhang davonzog und damit erneut die LBC Masters der Damen abräumte.

Liz Kristoferitsch Winner Longboard Classic 2017

Neonflash und gechilltes Cruisen bei den älteren Semestern, mehr Bilder vom Rennen findet Ihr auch in der Galerie zu Beginn des Reports.

Longboard Classics Riding

Der fetteste Respekt gebührt aber den Kids, der jüngste gerade 5 Jahre alt, die diesen nicht ganz einfachen 1000 Höhenmeter Run genauso grandios gemeistert haben wie alle anderen.

Longboard Classic #18 - Kids

Während Paul die Rider im Ziel mit ein paar Hundert High Fives begrüßt, wird dahinter bei strahlendem Sonnenschein und T-Shirt Temperaturen schon ordentlich gechillt.

Ziel Longboard Classic Stuben

Sehr verlockend jetzt nach dem Mittagessen einfach hier liegen zu bleiben und das bunte Treiben zu genießen, aber wenn wir alten Splitboarder schon mal Lifttickets haben ruft auch uns nochmal der Albonagrat mit seinen vielen Varianten. Und wer schon immer mal ein Longboard ausprobieren wollte, wo wenn nicht hier gibt es eine bessere Gelegenheit? Das nächste Mal vielleicht erst wieder beim Longboard Classic #19 am 7.April 2018 in Stuben am Arlberg.

Kommen wir zu den Ergebnissen, ach was, die könnt Ihr vollständig auf der offiziellen Longboard Classic Seite nachlesen, neben vielen weiteren Bildern und Infos zu vergangenen und kommenden LBCs.

Siegerehrungen und Laudatios können ja leicht zu einer faden Geschichte werden, nicht aber wenn der Mitveranstalter und ehemalige Chefredakteur des snowboarder MBM, Muck Müller die Bühne betritt und charmant frech die diesjährigen Sieger und Ehrengäste vorstellt.

Longboard Classic Winners 2017

Liz Kristoferitsch, linkes Bild Mitte, Vize-Worldchampion der FWT 2011, haben wir bereits erwähnt, nicht aber dass sie unweit von Stuben zu Hause ist und u.a. hier am Arlberg Snowboard und Splitboard Guiding anbietet. Klarer Heimvorteil.
Auch der ruhige sympathische Herr ganz in der Mitte blickt auf eine sehr erfolgreiche Zeit im Snowboard Wettkampfzirkus zurück. Erst Freestyle, dann Alpin im Weltcup und 1998 erster Snowboarder mit einer olympischen Medaille in Händen, zudem Vize- und Doppelweltmeister 99 bis 2001 im Boardercross usw. und so fort... bis er sich seit 2006 snowboardmäßig ausschließlich aufs Freeriden und Splitboarden konzentriert und sich dem extremen Thrill des Speedridens mit Mini-Gleitschirm und Ski hingibt: Ueli Kestenholz. Nach seinem Sieg beim LBC postete er auf Facebook: "When you're not "old school" enough and your (shred) stick is not long enough, they put you in the "no school" category here at #longboardclassicstuben. To my own surprise I happened to be the fastest down this 1000 vertical meter face!"
Die Noschool Siegerin der Damen, Steffi Günther hat vor vielen Jahren in Laax ihre Liebe zum Snowboard Freeriden entdeckt und "läuft auch gern mal den Berg hoch wenns sein muß", wie sie in einem alten Videocast dem nichts vergessenden Internet verraten hat.

Bei den Oldschool Herren teilten sich die Waibel Brüder Matt und Joe den ersten Platz. Beide schon vor Jahren beim LBC ausgezeichnet, freuen sie sich heute besonders über den gemeinsamen Sieg, zusammen mit dem Zweitplatzierten Kurt Tütscher in mega oldschool Jethose.

Peace & Music

Stargast des LBC #18 ist der legendäre Ostküsten Freestyler Jeff Brushie. Mitte der 80er shapeten er und seine Vermonter Freunde die ersten Halfpipes und brachten vom Skaten eine Menge neue Tricks und krasse Airs mit ins Snowboarding. Zusammen mit Craig Kelly und Terje Haakonsen im Burton Team beflügelte er in den 90er Jahren maßgeblich den damaligen Snowboard Hype. Im Snowboardmuseum zeugen seine zahlreichen Pro-Models bis heute von der Dynamik dieser Zeit. Eines seiner letzten Burton Boards, das Jeff Brushie Craps Table von 96, steht schon ganz im Zeichen einer weiteren Leidenschaft dieser Spielernatur, dem Gambling, dem er sich nach seinem Abschied vom Snowboardbusiness verstärkt widmete. Oldschool & Ostküste = Hip Hop und so braucht es nicht allzuviel Überredungskunst dass Jeff das Mikro ergreift und die Human Beatbox macht - Bumm Tschsch Bumm Tschsch.

Yeah, High Fives von Jeff für die kleinen und großen Kids. 

Die Liste der Legenden und Snowboardpioniere auf dem LBC ist lang, sehr lang, zu lang, weil es zu jeder dieser Persönlichkeiten unendlich viel zu erzählen gäbe. Wie gut dass der Münsteraner Titus Dittmann, Grandfather der deutschen Skateboardszene, eine Autobiographie über sein erfüllendes Leben geschrieben hat. Wer beim LBC dabei war bekam auf Wunsch sogar ein handsigniertes Exemplar von Titus geschenkt.

Titus Dittmann LBC #18

"Brett für die Welt", der Titel verrät es schon, Titus geht es noch um viel mehr als nur seinen Spaß auf den Brettern der Welt zu haben. "Titus, der ist ein großes Kind, nach wie vor, der ist verrückt, der hat ein großes Herz, und ja: Durchgeknallter Typ, geiler Typ." schreibt Thomas D von den Fanta4 auf der Buchklappe. Statt sich mit gut über Sechzig langsam zur Ruhe zu setzen baute der Ex-Studienrat Dittmann 2010 in Afghanistan einen Skate-Park um dort auf diese Weise die Entwickung einer friedensstiftenden Zivilgesellschaft zu befördern.

Manche mögen über Titus Ansatz "Boarden für den Frieden" lächeln, aber der Kern seiner Botschaft ist sowas von wahr und definitiv das zentrale und verbindende Element aller Brettsportarten: Die Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen, gemeinschaftlich, eigenverantwortlich und zielstrebig sein Ding zu machen statt stumpf "die Kriege der alten Männer auszufechten". Sinn- und Identitätsstiftung ist aber nicht nur in Krisengebieten wie Afghanistan von Nöten, auch die Jugend der industrialisierten Welt wird wieder zunehmend durchgetaktet und auf Linie gebracht, auch mit Psychopharmaka wie Ritalin.

Titus hiesiges Engagement zielt folgerichtig darauf ab, Skate- und Snowboarden als bestens geeignete Therapieform bei Verhaltens- oder Emotionsstörungen wissenschaftlich zu belegen und damit Lebensspaß und freie Persönlichkeitsentwicklung "verschreibbar" zu machen. Das Projekt skate-aid initiiert und unterstützt darüber hinaus weltweit Skateinitiativen, beispielsweise Workshops in algerischen Flüchtlingslagern oder den Bau eines Skate-Parks in der ruandischen Haupstadt Kigali. Auch Ihr könnt skate-aid unterstützen, auf dem LBC sind hoffentlich wieder ein paar künftige Obstacles zusammengekommen.

Letzte Dankesworte von Muck und Paul an die Sponsoren, Gäste und einfach an alle die da waren, dann folgt ein Geschenkeregen aus Shirts und Mützen und die Bühne ist wieder frei für das ClubCharlotte DJ Collectiv, das für die angenehme Nachmittagsbeschallung gesorgt hat.

Mit der Nacht kam dann die LBC Movie Night auf der im Festzelt schöne alte Schmankerl gezeigt wurden. Danach natürlich Party bis in den Morgen, drinnen wild und laut, draußen auf den Parkplätzen etwas gechillter an den Grillfeuerchen, so wie man sich ein Snowboard Woodstock eben vorstellt.

Splitboarding in Stuben am Arlberg

Der Paradetourenberg vom Albonagrat aus ist der 2896m hohe Kaltenberg. Eine lange Splitboardtour mit 3x Anfellen, die eine tolle nordseitige 1400 Höhenmeter Abfahrt nach Langen eröffnet.

Tagestemperaturen von ca. 20 Grad im Tal und weit über Null in der Höhe, dazu eine Route mit ständig wechselnden Expositionen, der letzte Anstieg südseitig.. Nein, der Kaltenberg muß noch auf uns warten. Stattdessen machen wir harmloseren Quatsch und kämpfen uns über den abgekratzten und noch hart gefrorenen Zielhang des gestrigen Rennens empor, zu letzt zu Fuß Stufen schlagend. Darüber genießen wir das sanfte Gelände und splitten im auffirnenden Schnee weiter Richtung Kaltenberghütte. Die etwas steileren Hänge unterhalb der Maroiköpfe reizen uns dann aber doch mehr als die Querung zur Hütte und so steigen wir, einzelnen Variantenfahreren vom Albonagrat begegnend, zu den Maroiköpfen auf und fragen uns: Warum zum Teufel haben wir in der Früh eigentlich kein Tourengeherticket gekauft um hier oben im schönen Schnee mehr Zeit für ein paar Laps zu haben?

Egal, nächstes Mal sind wir vielleicht schlauer, genauer gesagt am Wochenende des 7. April 2018, auf dem Longboard Classic #19 in Stuben am Arlberg.

Schee wars, Spaß hat's g'macht. Damit ist auch die Eingangsfrage, was wir einsamkeitsliebenden Backcountry Lover auf einem Snowboard Woodstock wollen, mehr als ausreichend beantwortet und wie dem Stubener Tourismus Rudi schon vor 18 Jahren, ist auch uns das LBC sofort ans Herz gewachsen.

Danke Muck und Paul für die Einladung und allen Helfern und allen die dabei waren, für dieses erfrischende "Scheiss da nix" Wochenende.