05 August 2016    

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Unser Splitboard Freund Sost war in Japan und hat nachgeschaut was es mit dem sagenumwobenen Samurai Powder auf sich hat. Mehr darüber, übers Birken knutschen und in die Onsen gehen, lest Ihr hier in seinem Hokkaido Pow Report.

Elf Stunden Flug von München nach Tokio, vier Stunden Aufenthalt am Flughafen gefolgt von einem zweistündigen Weiterflug nach Sapporo und dann noch mal vier Stunden mit dem Bus nach Niseko. Wieso macht man sowas? Die Alpen sind doch bei uns um die Ecke. Was kitzelt denn da so sehr, dass sich Jahr für Jahr zahlreiche Freerider nach Hokkaido kämpfen. Von einem Geheimtipp kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Selber frage ich mich, ob all Ski und Snowboardmagazine übertreiben, wenn sie von Japan berichten und den Samurai-Pow feiern?

Irgendwie war ich dann doch neugierig genug dem nachzugehen. Zusammen mit vier Mitstreitern habe ich kurz entschlossen bei der Black Diamond Lodge in Niseko eine achttägige Hokkaido-Pow-Safari gebucht. Ein Rundum-sorglos Paket mit Guide und Van, um so die ganze Insel abklappern zu können.

ブラックダイヤモンドロッジ

Soviel sei schon mal verraten - auch ich bin ab sofort überzeugter Vertreter der These, dass  Hokkaido einfach ein Muss ist. Jeder Freerider, der für die Jagd auf Qualitäts-Pow eine strapaziöse Anreise in Kauf nimmt sollte sich unbedingt einmal auf diese Insel begeben. Die dortigen Schneemassen sind selbst in angeblich schneearmen Wintern unvorstellbar.  Es macht für mich keinen wirklichen Unterschied, ob man jede Nacht 20 cm Neuschnee auf 7-8 Meter Grundlage oder auf 4-5 Meter serviert bekommt. Wenn man nun noch bedenkt, dass die Freeridegebiete in der Spitze maximal an die 2000 Meter über dem Meeresspiegel erreichen, klingt das noch unglaubwürdiger. Vier bis fünf Meter Schnee im Februar sind für die Japanische Verhältnisse wenig - für uns Europäer eine nicht auszudenkende Powderspielwiese. Gerade die letzten beiden Winter haben ja unser Powderherz arg auf die Probe gestellt.

Hokkaido profitiert von einem Sibirischen Sturmtief welches über das Japanische Meer drängt und dann den feinsten, sehr trockenen Schnee über die Insel verteilt. Ein zusätzlicher Faktor für die gute Schneequalität, nebst den konstanten Schneefällen, ist die fast niemals aufbrechende Wolkendecke. Selbst wenn es mal nicht schneit ist Sonnenschein in Hokkaido im Winter eher ein seltenes Phänomen.  Aber dadurch wird der Schnee natürlich nicht so pappig und schmilzt auch nicht so schnell weg. Das soll jetzt nicht als Abschreckung für den einen oder anderen Sonnenanbeter unter den Snowboardern zu verstehen sein, aber Fakt ist, dass Sonne hier absolut nicht im Fokus steht.

Vier Stationen standen bei unserer Rundreise auf der Agenda.

  • Drei Tage Niseko,
  • ein Tag Kiroro,
  • drei Tage Furano
  • und zum Abschluss noch zwei Tage Sapporo.

Japan Ski Resorts

Die ganze Reise war schneetechnisch gesehen ein absoluter Volltreffer. Hokkaido bedeutet konstanter Schneefall. 10-20 Zentimeter Neuschnee über den Tag verteilt sind keine Seltenheit, sondern üblich. Nur an zwei von unseren acht Tagen hat es nicht geschneit. Und wenn es schneit, und das nicht zu knapp, dann ist das wie bei uns - ab durch die Bäum! Da spielt es Hokkaido voll in die Karten, so niedrige Backcountryareas zu haben und gerade die japanischen Birken sind eine Extraklasse für sich. Sie stehen nicht so dicht wie unsere Bäume. Es macht riesen Spaß da durch zu fetzen. Die Birken in Hokkaido sind auch ausschlaggebend für die Kulisse, welche Japan als Freeridehotspot so beliebt macht. Freie offene Hänge finden sich hier selten. Insofern tummeln sich hier auch wenig Nichtschwimmer. Blutigen Anfängern würde ich abraten direkt das Treeskiing in Japan auszuprobieren. Etwas Übung und ein sicherer Fahrstil sind hier auf jeden Fall angebracht.

Wie lief die Reise ab?

Am Flughafen Sapporo gelandet, ging es per Linienbus direkt nach Niseko zur Black Diamond Lodge. Erste Anzeichen für eine außergewöhnliche Schneeregion sind spezielle, für uns ungewöhnliche Straßenmarkierungen - rechts und links stehen Schildermasten in einer Höhe von bis zu fünf Metern an der  Straße. In der Mitte hängen dann leuchtende Pfeile runter, um die Fahrbahnmitte anzudeuten, damit dieser vor lauter Schnee auch zu finden ist.

Da wir alle ein wenig geschlaucht waren verbrachten wir den ersten Tag nach unserer 24h-Anreise  ganz entspannt im Skigebiet von Niseko. Keine Angst - man muss sich hier nicht beeilen und schnell seine Lines fahren ehe alles zerpflügt ist und der nächste Powderalarm wieder Tage, wenn nicht sogar Wochen auf sich warten lässt. Der Powder wurde hier, im wahrsten Sinne des Wortes, nachts stets immer wieder aufgefüllt. Klar, rechts und links der Pisten ist man nicht alleine. Aber selbst da macht es den ganzen Tag Spaß zu spielen, da der Schnee einfach nicht von der Sonne angegriffen wird und somit immer recht fluffig bleibt. Auch hatten wir keinen Stress selbst Tage später noch unverspurtes Gelände mit geringfügigem Aufwand zu finden.

Japan Splitboarding Niseko

Mein richtiges Powderschiff habe ich nach dem ersten Tag für den Rest der Reise weggepackt, da es einfach nicht so wendig ist. Auch wenn die japanischen Birken nicht so dicht stehen wie in manch andere Treeskiing Gebieten, kurzes und wendiges Material ist sinnvoll. Einige Australier und Neuseeländer betreiben in Niseko gut ausgestattete Freeride Shops, und man hat auch als Splitboarder gute Chancen Ersatzteile für sein Material zu finden.

Als ich anfangs die Packliste bekommen hatte, war ich recht skeptisch meine Felle mitzunehmen. So weit reisen, um dann irgendwelche Hügel obendrein hoch zu splitten? Fast schon trotzig habe ich meine Harscheisen nicht mitgenommen. Für uns war splitboarden in Hokkaido mit drei bis vier kurzen Anstiegen zwischen 300 und 400 Höhenmeter völlig entspannt. Egal ob im oberen oder im unteren Bereich, der Schnee ist konstant gut und fliegt dir nur so um die Ohren. Beim Filmen mussten wir schon fast langsam fahren, damit man mal zehn Sekunden am Stück keinen Schnee ins Gesicht gepresst bekam. Das ist nicht übertrieben. So viele Faceshots wie in dieser Woche hatte ich sonst verteilt über zwei komplette Saisons - vorausgesetzt alles stimmt.

So lässt es sich schon aushalten. Morgens aufstehen, Wetter egal, hochsplitten, runter surfen, Gesicht weiß und wieder hoch. Abends kam es dann auch mal vor, dass man kleine Birkenästchen aus der Unterhose oder aus den eigenen Zähnen raus puhlen musste. Ich glaube jeder von uns hat ein paarmal eine japanische Birke oder einen tiefer hängend Ast geknutscht. Das gehört dazu. Insofern passten wir uns auch recht schnell an die dortigen Bedingungen an. Spätestens am dritten Tag ging keiner mehr freiwillig ohne Gesichtsmaske aus dem Haus. Nach drei Tagen Niseko ging unsere Safari zum nächsten Kapitel über. Ziel war es abends die Gegend rund um Furano zu erreichen. Bei der Überfahrt dort hin fädelte unser Guide zum Glück einen Halt in Kiroro ein. Kiroro verfügt über ein  Skigebiet halb so groß wie Niseko.

Splitboarding Japan Kioro

Das extra ausgewiesene Backcountry  besteht aus recht steilen Ansammlungen von Hügelketten. Für uns sollte es schneetechnisch der Tag der Tage der ganzen Safari werden. In dem Moment, wo wir das Gate ins Backcountry passierten, fing es an! Das übliche Schneegeriesel wurde von einem Schneesturm abgelöst. Ergänzt wurde das Ganze noch von einer pfeifenden Frontalbeschallung. Egal - Maske raus und beißen! So unvernünftig können wir auch nicht gewesen sein - bis zu fünf weitere geführte Gruppen kämpften sich völlig selbstverständlich mit Spitzkehren hoch zum Bergrücken. Allein während der drei Aufstiege hat es mindestens 20 cm - eher mehr - runter gedonnert. Der Aufwand hat sich aber gelohnt. Drei Abfahrten mit Powder bis zur Brust waren die Belohnung.

Japan Splitboarding Kioro

Spätestens nach diesem Tag war uns allen klar: Das ist Japan im Winter, das ist Hokkaido und das ist dieser sagenumwobener Powder.

Von Kiroro aus waren es noch zwei Stunden mit dem Van bis nach Asahikawa. Asahikawa, eine 350.000 Einwohner zählende Stadt im Herzen von Hokkaido, war unser Stützpunkt für die nächsten Nächte. Auf der Agenda standen zwei Tage im Furano Skiresort. An einem Tag hat sich sogar mal die Sonne gezeigt. Das war dann der Tag, den wir mit Liftunterstützung für zahlreiche Varianten genutzt haben. Den anderen Tag haben wir wieder aufgefellt und sind in den umliegenden Wäldern aufgestiegen. Was sich in der Zwischenzeit bei uns auch zum kulturellen Pflichtprogramm nach dem letzten Run etabliert hat, ist der Gang in die Onsen. Onsen? Das sind heiße Thermalquellen, die es nahezu in jedem Dorf gibt. Reinlegen, entspannen und dabei so ein kleines Handtuch auf den Kopf legen. Sieht komisch aus - ist aber die pure Entspannung und in Japan Tradition.

Auffällig waren auch die witzigen Comics im Mangastyle. Die liest dort wirklich jeder - egal ob jung oder alt. In  jeder Tankstelle, bei der wir uns mit Snacks für die bevorstehende Tagestour eingedeckt haben, war ein Blick in die Comics Pflicht. In einem Mangaland wie Japan ist das völlig normal. Aber was man da so alles zu Gesicht bekommt, ist schon speziell. Versuch mal in ein Comic einen Blick zu werfen und dabei nicht zu lachen. Du verlierst!

Japan

Allmählich neigte sich unsere Rundreise dem Ende entgegen. Durch die fetten Tage in Furano und Niseko und vor allem Kiroro waren wir schon ziemlich erledigt. Gerade mit Blick auf unsere letzten beiden Winter war der viele Schnee auch erstmal eine neue Luxuserfahrung. Wann sonst hat man schon mal 5-6 Powdertage am Stück in den Knochen? Und nun lag noch Sapporo auf unserer To-do-Liste. Keiner hat mehr mit einer Steigerung gerechnet. Sapporo ist eine Küstenstadt und das Skigebiet kommt nicht mal über 1100 Meter hinaus, beginnt aber noch unterhalb 200 Meter Seehöhe. Der Umstand wollte es, dass das Skigebiet in Sapporo mit einem Skirennen beschäftigt genug war und zudem nicht alle Lifte wegen einem Sturm offen waren. Wenn man dann seine Felle dabei hat und all die Varianten zur freien Auswahl hat, ist das eine feine Sache. Denn eins ist uns auch aufgefallen: Einheimische mit Fellen konnten wir über die letzten Tage hinweg an einer Hand abzählen.

 

Der Blick über Sapporo und auf das offene Meer hat schon was Besonderes, dazu meinte es dann auch noch der Sturm gut mit uns und klang ab. Somit hatten wir auf einmal auch die Gondel für uns zur Verfügung. Am Ende des letzten Tages hatten wir dann noch mal acht unverspurte Runs gehabt. Einer der Locals wird sich spätestens jetzt mit dem Gedanken auseinander setzen auch ein Splitboard zu kaufen. Unser Verfolger ist uns mit dem Snowboard nichts ahnend nachgefahren. Er hatte sich wohl darauf verlassen, dass wir ganz unten einen Weg zurück ins Gebiet finden würden. Das war ein Bild für die Götter, als wir unten in der Talsenke zum Stillstand kamen und er uns ratlos ansah. Mein Griff in den Rucksack zum Fell und der Blick zu ihm rüber.... Immerhin kam er in den Genuss einer Materialvorführung eines Splitboards.  Zum Glück hat es Ihm kein Problem bereitet sich die 100 Höhenmeter hoch zu  kämpfen. Ein Run später führte seine Spur auch wieder zurück.

Splitboarding Saporro Japan

Zusammengefasst war Hokkaido eine einprägende Erfahrung, die ich nur jedem sehr empfehlen kann! Mir fallen wenige Orte ein, an denen du so gut organisiert und ohne Schwierigkeiten einen Urlaub machen kannst und mit Schnee wirst du obendrein auch noch zugeschüttet. Einen Besuch in den Onsen ist auch sehr empfehlenswert. Einmal drin gewesen, wirst du es vermissen, wenn nach dem letzten Run keine Onsen auf dich wartet.

Wir hatten die Safari zeitlich unbewusst recht günstig gelegt, da in Sapporo zur gleichen Zeit das Eisfestival stattfand. Wenn man die Möglichkeit dazu hat, ist ein Besuch sehr zu empfehlen. Beachtlich, was man aus Eis alles so raus schnitzen kann. Wer dann noch nicht total pleite ist sollte auch noch ein Wochenende in Tokio verbringen. Der Zwischenstopp lockert die Rückreise ein wenig auf. Nach zehn Tagen Powdermanöver ist diese Megastadt nichts für schwache Nerven. Im Zweifel gewinnt daher das Nachtleben Tokios gegen Dich, aber einen Blick ist es wert.

Japan Splitboarding

Sayonara

POINT (141.35421752929 43.062968409929)